Der Grüne Michel bescheißt den lieben Herrgott nicht

Auf der Mauer auf, der Lauer sitzt der Grüne Michel. Seht Euch mal den Michel an, wie der lecker kochen kann! Auf der Mauer, auf der Lauer kocht der Grüne Michel. So steht es, in hübschen Lettern, geschrieben in der Speisekarte.
Und postwendend singt und schwingt es mit viel Verve im Kopf; die Melodie, der Takt, das Lied aus Kindheitstagen nach all den Jahren noch immer präsent.

Und doch, die hier so schön bemühte Analogie, sie weist gleich zwei Schönheitsfehler auf: Denn weder tanzen Wanzen in der Küche, noch schwingt ein Michel mit Grünstich den Kochlöffel in Leonbergs erstem Gemüse-Gourmettempel. Der Mann, der sich hier anschickt das Ländle kulinarisch auf den Kopf zu stellen, hört im wahren Leben auf den Namen Carsten Schulz. Und lecker kochen heißt im Fall von Carsten Schulz, ausschließlich vegetarisch bzw. vegan zu kochen. Mit Gerichten aus aller Welt. Ein tollkühner Plan möchte man da meinen, schließĺich gilt im stolzen Schwabenländle nach wie vor: Fleisch, das gehört zum kulturellen Selbstverständnis. Der Schwabe, er will sich sein Küche nicht nehmen lassen, da ist der Schwabe ganz bei sich selbst. Dementsprechend argwöhnisch werden neue Geschmackskompositionen betrachtet, für Gemüse in Reinform gilt dies im Besonderen. Ausgerechnet hier also will der Koch seine Brötchen verdienen.

Klar, auch er habe anfänglich Bedenken gehabt, gibt Carsten zu Protokoll, während er mir im Halbsatz einen Kaffee aufs Haus anbietet. Ursprünglich habe er auch im liberalen Stuttgart Fuß fassen wollen. Aber dort sei keine passende Immobilie frei gewesen. Und so zieht es Carsten raus aus der Landeshauptstadt, tief ins Ländle, nach Leonberg. Dort wird gerade ein Zimmer frei, ein Koch mit Stern an der Schürze schmeißt hin nach über vierzig Jahren im Dienst. Wenn man Carsten so zuhört, der kurze Moment der dafür bleibt bevor es zurück in die Küche geht, dann hat man mitnichten das Gefühl der Grüne Michel sei auch grün hinter den Ohren – der ganze Plan ein Treppenwitz.

Es ist Dienstag Abend zwanzig Uhr, drei Wochen sind seit der Eröffnung des Grünen Michel vergangen. Zeit für einen ersten Kassensturz. Wie es laufe?, fragt Carsten zurück. Erstaunlich gut laufe es bisher. Schaut man durch die Tischreihen, möchte man ihm beipflichten. Kaum ein Stuhl, der an diesem Abend leer bleibt. Ein buntes Publikum: jung und alt sitzen dicht an dicht, versunken über ihren Tellern oder im Gespräch. Sie alle geben sich im Grünen Michel die Klinke in die Hand, ganz so als müsse Leonberg beweisen, dass seine Bürger nicht deart verbohrt und engstirnig sind, wie es ihnen mitunter gerne nachgesagt wird.

Unter all den Gästen an diesem Abend weilen auch wir. Und das obwohl wir nicht zum Leonberger Kollektiv gehören, uns also kein Schwäbischer-Stallgeruch anhaftet. Wir sind Neigeschmeckte. Wir – dass ist die ganze Bagage der Familie. Wir setzen uns. Der erste Blick geht aus dem Fenster. Brunnen, Fachwerk, Pflastersteine, der Grüne Michel liegt im Herzen der Altstadt von Leonberg. Das weiß zu gefallen, ein Ausblick zum sattsehen. Der zweite Blick gilt dem Interieur. Hier grüßt der Elch. Aber ich lasse besser die Bilder sprechen. Nur soviel sei gesagt: der Grüne Michel beweist Geschmack.

gDann geht es ans Eingemachte. Die Abendkarte hält, was Gemüse-Michel verspricht: global geht es her, mit CousCous, indischer Linsensuppe und grünem Thai Curry. Wie langweilig, gellt aus dem Off! Koch ich doch selbst schon zweimal die Woche. Pah, jemals gebackene Rote Beet in Rotweinsoße probiert?! Mit Kartoffelpüree und Waldpilzen?! Oder gebackenen Artischockenboden mit Kräuterseitlingen?! Bestimmt nicht!, möchte man dem Naseweis und seinen müden Unkenrufe entgegenschmettern. Und überhaupt: Du Dich als weltgewandt, aber wählst die Maultaschen aus der Provinz. Tatsächlich, ist mir an diesem Abend nach klassischer Schwabenkost. Nach Herrgottsbescheißerle wie es so schön heißt. Gemüsemaultaschen mit Filderrahmkraut und Kartoffelsalat.

Doch auf meine Frage, ob die Maultasche auch vegan zu bekommen seien, entgegnet mir die sympatische weibliche Bedienung, da sei nix zu machen. Wir arbeiten dran, versichert mir Carsten später. Er habe da bereits einen Lieferanten in der Pipeline. Einen ganz ausgezeichneten. Überhaupt befinde sich die Speisekarte noch im Aufbau. Dementsprechende übersichtlich fällt sie auch aus. Das mag wenig überraschen, drei Wochen nach dem Start. Zur Zeit dominiert die vegatarische Abteilung, aber man werde künftig verstärkt an veganen Rezepten feilen, beteuert Frau Oberst. Denn die Nachfrage sei da, und da müsse man schließĺich liefern. Sie lächelt. Ein Lächeln, das nicht aufgesetzt wirkt. Beseelt entscheide ich mich für eine Alternative. Salat mit Räuchertofu und Palmherzen. Ich habe noch nie zuvor Palmherzen gegessen. Die Altvorderen gehen kein Risiko ein und ordern den Michel Burger, mit Pommes und Salat. Für die Schwester Curry aus Thailand.

Die Wartezeit wird mit einem Appetithäppchen aus der Küche überbrückt. Ein Dip aus Hokkaido-Kürbis, leicht pikant, kommt mit einem Korb Stullen an den Tisch. Eine feine Geste, die Sympathiepunkte einbringt. Drei mal säuselt mir Dido ihr White Flag ins Ohr dann kommt das Essen. Nach angemessener Wartezeit und auf Betriebstemperatur.

Ich stürze mich gespannt auf die Palmherzen, doch der erste Biss ernüchtert. Die weißen Dinger haben kaum Geschmack. Mit viel Phantasie erinnern sie an Spargel aus dem Glas. Aber sonst kommt da nix. Ein Gemüse, an dem man sich unmöglich reiben kann. Sei’s drum; der Salat ist insgesamt sehr lecker. Der Räuchertofu kross, das Chutney schmackhaft. Eine klare Kaufempfehlung.

hh

Ich probiere die Kost zu meiner Rechten. Die Pommes sind ein Augenöffner. Hier versteht jemand sein Handwerk. Fingerbreit, knusprig frittiert und der Koch schwer verliebt. Ich flute den trockenen Salzrachen mit einem Schluck Sprudel aus der Mondscheinquelle. Chapeau, die Altvorderen haben mit dem Michel Burger auf das richtige Pferd gesetzt. Das Seitan-Pattie liegt gut im Mund, das Weizenbun – häufig die Schwachstelle beim Burger – gut in der Hand. Saftig, griffig, luftig. Hier hat jemand den Teig selbt angerührt. Lediglich das Zwiebel-Balsamico Chutney ist für mein Verständnis zu süß geraten. Die Mischpoke sieht’s ähnlich.

fffDas Curry aus Thailand meiner Schwester, rühre ich nicht an. Nicht aus Ekel, nein vielmehr aus Genuss. Denn ehe ich mich von meinem eigenen Teller löse, hat meine Schwester kein Reiskorn mehr auf dem Teller gelassen. Und so muss ich mich auf ihr Urteil verlassen. Lecker war’s. Das Fazit fällt nüchtern aber durchweg positiv aus.

jhWir schaufeln gut; die Portionen sind ehrlich. Ein Teil der Familienbande steigt vorzeitig aus. Ich habe neben dem Salat noch Platz im Magen und übernehme. Am Ende sind die Teller leer und auch mein Magen ist randvoll. Ein todsicherer Indikator, dass es gemundet hat.

Ein letztes Mal zu Carsten. Er freue sich wenn ich einen Bericht verfasse. Der Bitte will ich hiermit nachkommen, die Mund zu Mund Propaganda trägt den Grünen Michel in die Welt. Ein kurzer Handedrück, ein freundschaftlicher Klopfer auf die Schulter dann muss Carsten wieder zurück an den Herd. Weitere Gäste kommen. Sie alle wollen an diesem Abend auf Fleisch verzichten. Freiwillig und mit Genuss. Der Anfang einer größeren Bewegung, oder doch bloße Utopie? Eines steht jedenfalls fest: Wir kommen wieder. Alsbald. Und Oma ist auch wieder mit dabei.

tl;dr
Der Grüne Michel in Leonberg bietet tierleidfreien Speis und Trank für Einsteiger und Fortgeschrittene. Grundehrliche Portionen zu grundehrlichen Preisen; hier brennt nix an. Ein besonderes Lob verdienen die Köpfe hinter dem Grünen Michel: ein sympatisches Kollektiv. Zu einem Besuch sei angeraten.

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6 Gedanken zu “Der Grüne Michel bescheißt den lieben Herrgott nicht

  1. Toller Artikel, wirklich informativ! Ich komme selbst aus Ditzingen(liegt in der Nähe) und muss jetzt auch mal unbedingt zum Grünen Michel.
    Viele Grüße
    Daniel

  2. Wir haben den GRÜNEN MICHEL heute getestet! Alle fünf Familienmitglieder waren äußerst zufrieden und meine Gemüsemaultaschen mit Filderkraut und Kartoffelsalat waren superlecker!!! Alle Erwartungen erfüllt und übertroffen!-
    Einziger Wermutstropfen: beim Service und bei der Freundlichkeit der Bedienung ist noch viel Luft nach oben… einfach mal lächeln!

    • Pampiger Service?! Vllt. ein schwarzer Tag. Bei uns war alles eitler Sonnenschein. Die Saaltochter war zu Scherzen aufgelegt und immer prompt am Tisch. Danke für die Rezension.

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