In 110 Rezepten um die Welt- Cookbook-Challenge garantiert BSE-frei

DSC04249Mit Kochbüchern verhält es sich minunter wie mit Nordkoreas Propaganda.
Denn, der schöne Schein wirft bekanntlich lange Schlagschatten. Und dann tritt hinter Protz und Prunk, Glanz und Gloria das nackte Elend ans Licht.
Bunte Hochglanzbilder und episch lange Zutatenlisten machen allein halt noch keinen Hit aus.
Ein Glück das es investigative Köpfe gibt, die hinter strahlende Fassaden blicken.
Die Rezensionen verfassen auf die man bauen kann.
Diesem ehrbahren Schlag Mensch will ich es gleichtun auf dem Dennis 4000 Literatursofa.
Wir starten die Blaupause mit Carolyn und Chris Caldicott (CCC) aus Londons bewegter Gastroszene.
Das gemeinsame Werk hört auf den Namen „World Food Café“. Auf dem Radar hab ich den Schinken schon länger, vom Kauf hat mich bisher aber der Untertitel abgehalten: „Vegetarische Rezepte aus aller Welt“.
Häufig ist da außerhalb von Käse und Konsorten nichts zu holen
Ich wurde lügend gestraft, bei einem Besuch in der örtlichen Bücherei.
Aber der Reihe nach….

Brie mit Chappi

Die Reise beginnt fullminant unvegan in Marokko.
„Gut, wenn auch ziemlich ungewöhnlich“. Carolyn und Chris sind sich einig. Die gefüllten Teigtaschen schmecken. Der Brie bringt den Clou im Ensemble, soviel ist klar.
Doch das böse Erwachen folgt auf den Fuß, nach einer durchzechten Nacht und flauem Magen, als die Wirtin des Hauses das Frühstück serviert. Denn, beim Brie handelt es sich in Wahrheit um püriertes Rinderhirn.
Eine Köstlichkeit ganz im Zeichen der Gastfreundschaft und garantiert ohne Rinderwahn, wie die Schlummermutter zu beschwichtigen weiß.

Mund abwischen-weiter geht’s.

Aschfahle Bleichgesichter wären an dieser Stelle nach Delmenhorst zurückgekehrt –
C&C Weltenbummler reisen unvermindert weiter.
Und soviel Gottvertrauen wird belohnt, durch kulinarische Offenbarungen, die selbst ausgefuchste Vagabunden überraschen werden:

  • Oder wer wusste bereits, dass man im Oman Aubergine in Dattelsauce isst?
  • Auf Laos, die violette Vundervrucht als Mondamin-Derivat zum Eindicken von Saucen(!!!)sorgt?
  • Oder Peru? Neben dem Exportschlager Ceviche, werden hier auch gerne „Kartoffelküchlein mit Gurkensauce“ serviert.
  • Wer wusste bereits, dass im rauen Klima von La Paz der Maiseintopf von innen stärkt – Pachamama sei Dank – während an den weißen Stränden von Costa Rica „Gemüse in einer Sosse aus Senf Kokosnuss und Rum“ für karibisches Flair sorgt?

Globale Küchen sind auch immer Orte der Ethnologie, dass macht sie spannend und den Reiz dieses Buches aus.
Dass C&C um Bildung bemüht sind, beweisen nicht zuletzt die vielen, mitunter durchaus heiteren Anekdoten am Rand der Rezepte, die einen Blick auf Land, Leute und Leckereien gewähren. Wenngleich nicht jeder persönliche Schwank, der das Familienalbum schmückt auch gleich zur echten Geschichte taugt. Beispiel gefällig? Ich zitiere sinngemäß…

In Kalkutta haben wir regelmäßig in einem Café Auberginen gegessen. Dort haben auch viele Taxifahrer gegessen. Dadurch hatten wir immer direkt nach dem Essen ein Taxi zur Weiterfahrt.

Altobelli! Ein bisschen mehr Liebe zum Detail bitte! Auslassungen dieser Güte führen unweigerlich zum klinischen Hirntod.

Nun gut. Nach dem Lapsus suchen wir unser Heil erneut am Herd. Dieser ist mittlerweile heiß und hält weitere interessante Kompositionen bereit. Feurige Sambols in Hülle und Fülle auf Sri-Lanka, Maniok in Mungobohnen-Sauce – serviert in den Straßen Nairobis, Obst-und Gemüsesalat nach malaysischer Gutsherrenart und und und…

Kurzum ein Streifzug durch aller Herren Länder, respektive Küchen.
Einzig Europa wurde von der bunten Landkarte gestrichen.
Aber wer wird schon Omi’s Spreewaldgurken vermissen, wenn das nächste kulinarische Reiseziel Seychellen heißt?

Ein enttäuschter Imam und Frankreichs Dicke Bertha

Dabei ist jedoch nicht alles was ungewöhnlich klingt auch unweigerlich lecker.
So wäre der berühmte Imam nie und nimmer in Ohnmacht gefallen, wenn Chris und Carolyn zum Mahl geladen hätten. Denn, Aubergine gefüllt mit Weißkohl weicht nicht nur exklatant vom (vegetarischen) Orignal ab, die Kombination haut auch keinen Großmufti des Orients aus den Socken.
Und Fisch durch Süßkartoffeln zu ersetzen, kann allenfalls eine zweitklassige, nie aber die bevorzugte Wahl sein. Hier lautet die Devise aus dem Englisch-Unterricht: If in doubt leave it out.
Aber das sind Schönheitsfehler auf der sonst so weißen Kochschürze. Die Mehrheit, der von mir geprüften Gerichte bringt Vielfalt & Mehrwert auf den Esstisch, ohne Abstriche in Puncto Authentizität machen zu müssen. Denn Sojalende vom Tofu-Rind braucht es hier, für ein schmackhaftes Essen, nicht.
Apropos.

Indien, wird gemeinhin auch als das Mekka eines jeden fleischlosen Jünger bezeichnet. Ein Kapitel, das sich den Köstlichkeiten des Punjab widmet ist daher obligatorisch. C&C präsentieren hier Altbekanntes, Klassiker wie Aloo Gobi und grundsolides Linsen Dhal. Doch auch neue, gänzlich ungewohnte Kompositionen – ich denke da etwa an Weißkohl mit Kokosnuss – werden hier aufgetischt. Baldrian-Brüder aufgepasst. Wenn die Schärfe die Tränen in die Augen treibt, darf das als Eingeständnis von Schwäche verstanden werden!

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Wahrhaftig zum Heulen ist der Umstand, dass nicht jedes Rezept auch ein passendes Bildchen ziert. Da bleibt die Magie vermeintlich unspektakulärer Kost auf der Strecke. Schade.
Auch die reizvollen Landschafts- und Personenporträts können den Schmerz da nur bedingt lindern. Stattdessen begraben wir den Frust unter einer Tonne Zucker, denn fürstlich Speisen heißt auch immer in drei Gängen genießen.
Für den süßen Zahn hält C&C’s grünes Manifest lediglich ein Rezept bereit, das es allerdings in sich hat.  Schokotorte aus Frankreich!

Die Allzweckwaffe im Café von Chris und Carolyne. Zum krönenden Abschluss also doch noch ein Schwergewicht aus unseren Breitengraden.
Und Frankreich lässt die Kalorienbombe platzen. Hier lauert der zuckersüße Tod. Nachbacken wird also dringend angeraten.

Chayote was?!Veganer von Welt.

Nun, was bleibt bei vollem Bauch am Ende der Lektüre?
Es bleibt ein Gefühl, das jeder kennt, der nach einer ausgedehnten Reise die Schlüssel in der Wohnungstür umdreht. Ein Gefühl, dass die Reise, sieht man einmal von kleineren Unwägbarkeiten ab, fabelhaft war. Und – dieses spezielle Verlangen, gleich morgen wieder in den Flieger zu steigen und dem täglichen Einerlei zu entfliehen. Exakt so verhält es sich mit diesem Buch. Also, Rinderwahn-Trauma überwinden und auf große Expedition gehen. Länderküchen, die Milch, Ei und Käse verwenden, sparen wir dabei bewusst aus, denn vegane Reiseziele bietet das Werk zur Genüge.

Fazit:

Weltbeflissene Bürger, die Eindruck bei der nächsten Hausparty schinden und neben Thüringer Soja-Würstchen im eigenen Darm, auch Gemüsekultur aus Borneo servieren möchten, denen sei dieses Werk wärmstens empfohlen.

 

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